20. Oktober 2026 3 Aufrufe

Tag 4: Von Cacabelos nach Portomarín

Die Nacht im Hostel war schön warm und sehr erholsam und hat mir genug Energie für den nächsten Tag gegeben. Am Morgen packte ich all meine Sachen wieder ein, frühstückte ein Croissant mit Butter und trank ordentlich Wasser, denn der Anstieg lag direkt vor der Tür. Als ich das Hostel verließ, zeigte eine kleine Anzeige allerdings 4 Grad an. Und es war gerade einmal 7:45 Uhr, also noch etwa anderthalb Stunden bis Sonnenaufgang. Ich hatte alle meine warmen Sachen an, Handschuhe und Beinlinge, und strampelte los.

Es ging fast durchgehend bergauf, immer wieder mal kurz flach oder bergab und dann wieder hoch. Mir wurde einfach nicht warm. Zwischendurch musste ich an einer Tankstelle pausieren, weil ich meine Zehen gar nicht mehr gespürt habe. Dort zog ich auch meine Regenüberschuhe an, weil meine Füße trotz des ständigen Bergauffahrens einfach nicht warm wurden. Nach anderthalb Stunden kam dann endlich langsam die Sonne hervor, und es wurde hell. Es ging entlang einer Landstraße, die sich parallel zur Autobahn schlängelte. Die Abschnitte, in denen die Sonne auf die Straße traf, waren warm und gaben mir einen Vorgeschmack auf den Tag. Das Wetter sollte super werden, mit blauem Himmel.

Fast unendlich ging es bergauf. Gefühlt bin ich den ganzen Tag bergauf gefahren, bis zum frühen Nachmittag. Teilweise war es so steil, dass ich das Fahrrad mit ausgestreckten Armen schieben musste, weil ich es einfach nicht mehr getreten bekam.

Außerdem traf ich den Fahrradfahrer wieder, den ich schon am Tag zuvor gesehen hatte. Er wollte eigentlich nach A Coruña und hatte geplant, nachts gegen 3 Uhr loszufahren, um den Tag voll zu nutzen und abends in A Coruña anzukommen. Allerdings hat es ihm in der Nacht wohl den Magen verdreht, und so ist er erst gegen 8 Uhr ohne Mageninhalt losgefahren. Auf seinem Carbon-Rennrad. Mit leichtem Gepäck strampelte er mir schnell davon.

Gegen 14 Uhr erreichte ich den Gipfel: O Cebreiro, ein Bergdorf auf rund 1.300 Metern. Es ist das erste Dorf in Galicien auf dem Camino Francés und bekannt für seine strohgedeckten Rundhäuser, die Pallozas, und die kleine Kirche Santa María la Real, deren Ursprünge im 9. Jahrhundert liegen. Hier oben sah ich auch zum ersten Mal, wie andere Pilger ihr Pilgerheft abstempeln ließen. Das Heft heißt Credencial. Wer in Santiago die Compostela-Urkunde bekommen möchte, muss die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen und dabei mindestens zwei Stempel pro Tag sammeln. Davor sind Stempel freiwillig.

Auf dem Gipfelparkplatz war außerdem einiges los. Dort wurde gerade eine Neuverfilmung des italienischen Camino-Films gedreht, diesmal auf Spanisch. Das Original heißt „Buen Camino“. Darin macht sich der Komiker Checco Zalone als reicher Erbe auf den Camino, um seine Tochter zu finden, anfangs sogar im Ferrari. Mit über 70 Millionen Euro Einspielergebnis ist es der erfolgreichste Film der italienischen Kinogeschichte, und die spanische Version soll „Un camino muy padre“ heißen. Sechs Drehwochen standen an, an drei verschiedenen Orten. Oben stand ein Cateringwagen, leider nicht für mich.

Rund neun Kilometer weiter, in O Poio, stoppte ich an einer Hütte, aß eine Tortilla de Patata und trank einen Tee. Der Alto do Poio ist mit 1.337 Metern der höchste Punkt des Camino in Galicien und damit auch der höchste Punkt meines Tages.

Gegen Nachmittag sah ich dann einen Marker: noch 130 Kilometer bis Santiago. Über den Tag waren es immer mehr Pilger geworden: Je näher man Santiago kommt, desto voller wird der Camino. Das liegt auch daran, dass viele erst in Sarria starten, gut 100 Kilometer vor Santiago. 2025 war das mit rund 162.000 Pilgern, etwa einem Drittel aller, der beliebteste Startpunkt. Ich rollte noch ein gutes Stück, und es ging nun endlich leicht bergab bis nach Portomarín. Etwa 20 Minuten vor der Ankunft sah ich zwei Frauen, die immer noch unterwegs waren. Die Sonne ging gerade unter, und es wurde langsam wieder kalt. Da habe ich mir selbst die Frage gestellt, wie das wohl ist, wenn man zu Fuß unterwegs ist und noch so eine Distanz vor sich hat. Manche Leute lassen ihren Rucksack ja auch transportieren. Dann muss man das Ziel am Abend erreichen, sonst hat man seine Kleidung gar nicht.

Das heutige Portomarín steht übrigens nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz: Das alte Dorf wurde in den 1960er-Jahren für einen Stausee geflutet und weiter oben am Hang neu aufgebaut. In Portomarín angekommen, fuhr ich direkt das nächste Hostel an. Die Frau dort sagte mir aber, dass leider kein Platz mehr sei. Sie rief dann ihre Freundin an, und ich fuhr zum nächsten Hostel, etwas die Straße hinauf. Dort checkte ich ein und bezog mein Zimmer bzw. mein Bett. Ich sprang noch schnell in den Supermarkt, holte mir Nudeln, kochte sie mir in der Küche und fiel dann ins Bett. Der Tag heute war sehr anstrengend und hat mich definitiv sehr gefordert.

🚴 99,35 km
⏱️ 6:54 h Gesamtzeit
⛰️ 1.800 Höhenmeter
⚡ Ø 14,4 km/h

Foto von unterwegs
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