17. Oktober 2026 2 Aufrufe

Tag 2: Von Burgos nach León

Nach einer warmen Nacht neben dem Heu baute ich am Morgen mein Zelt ab, frühstückte ein Pain au Chocolat und bereitete mich auf den Regen vor. Heute sollte es nämlich nahezu den ganzen Tag regnen. In der Nacht hatte es schon ein bisschen angefangen, und am Morgen ging es weiter. Das große Wellblechdach ließ den Regen noch stärker wirken. Als ich dann aber gut vorbereitet die ersten Meter fuhr, merkte ich, dass es nur ein bisschen tröpfelte. Nach einer halben Stunde hörte es sogar ganz auf.

Kurz nach Sonnenaufgang wurde es etwas wärmer, und ich bekam den wahren Camino de Santiago zu sehen. Auf dem Schotterweg vor mir lief der erste Pilger. Kurz danach sah ich etwas anderes: ein paar originale Apple-Kopfhörer, passend für mein iPhone mit Lightning-Anschluss. Sie sahen aus, als hätte sie jemand erst vor Kurzem neu gekauft und direkt verloren. Ich nahm das Zeichen Gottes an mich und hörte auf den ersten Kilometern mit den neuen Kopfhörern etwas Musik. Es ging auf einem schottrigen Weg auf und ab.

Neben dem zweiten Pilger machte ich einen kurzen Stopp und fragte ihn, ob er seine Kopfhörer verloren hat. Er hatte allerdings ein Samsung-Telefon. Weiter ging es über den Schotterweg bis zum dritten Pilger, der schon von hinten so aussah, als gehörten ihm die Kopfhörer. Auch ihn sprach ich an. Mit einem Joint im Mund antwortete er: „Oh Mann, ja, das sind meine Kopfhörer! Das ist ja Wahnsinn!“ Das sagte er mir, während ich seine Kopfhörer in den Ohren hatte. Natürlich gab ich sie sofort zurück, und er freute sich sehr. Meine erste Begegnung mit Gott oder ein Zeichen des Camino de Santiago?

Danach ging es steil bergab, und ich machte mir langsam Gedanken, ob meine Reifen für diese Schotterpiste eigentlich geeignet sind. Ich hatte mir extra 35 mm statt 40 mm breite Reifen geholt, um auf der Straße etwas schneller zu sein. Nun bin ich aber schon unzählige Kilometer auf Schotter gefahren … Ab und an gab es mal einen Durchschlag auf die Felge. Mal schauen, was am Ende dabei herauskommt.

Die ersten 50 Kilometer gaben mir auf jeden Fall das richtige Camino-de-Santiago-Feeling. Unzählige Pilger, an denen ich vorbeifuhr, waren auf dem Weg nach Santiago. Jung oder alt, Mann oder Frau. Manche waren als Paar unterwegs, viele allein. Und manche mit einer Ausrüstung, als würden sie den Mount Everest besteigen. Heute hat auch zum ersten Mal jemand „Buen Camino“ zu mir gesagt, und ich habe mich sehr darüber gefreut. Gehört habe ich es danach noch etwa 30 Mal. Ich passierte außerdem ein Mädchen, das Querflöte spielte. Da kam mir der Gedanke: Was macht man eigentlich, wenn man zu Fuß unterwegs ist und so jemanden vor oder hinter sich hat? Mit dem Fahrrad war ich schnell vorbei, aber zu Fuß ist das doch bestimmt nervig, oder? Ab und an gab es auch kleinere Gruppen oder Pärchen, die gemeinsam wanderten.

Die Dörfer, die ich passierte, waren alle auf die Pilger ausgerichtet. Nach den ersten beiden Dörfern fiel mir auf, dass die Bars und Cafés am Morgen eher aussahen wie ein Boxenstopp bei einem Autorennen. Alle anderen Türen und Tore waren abgeschlossen, teilweise regelrecht verbarrikadiert, sodass man sich weder im Regen unterstellen noch hinsetzen konnte. Interessant! Überall an der Strecke gab es dafür Sitzmöglichkeiten und Wasserstellen, und immer mal wieder kam ein Dorf mit Cafés und Bars, die für Pilger vorgesehen waren.

Am Morgen hatte ich mich beim Essen etwas verkalkuliert, deshalb fehlte mir bis zum Mittag einiges an Energie. Ich nutzte eine der Bars für einen Café con Leche und eine Tortilla de Patata und wärmte mich ein bisschen auf. Denn heute war es kalt und sehr windig! Den ganzen Tag fuhr ich mit Beinlingen, um die Knie warm zu halten, und zwischendurch ging die Regenjacke immer wieder auf und zu.

Die heutige Etappe hatte gut 1.100 Höhenmeter und war damit die flachste der Tour. Das liegt an der Meseta, der weiten, flachen Hochebene zwischen Burgos und León, die dem Wind kaum Schutz bietet. Und genau das habe ich gemerkt: Manchmal war es schwierig, gegen den Wind von vorne anzukommen oder ihn von der Seite auszugleichen. Nach den ersten 50 Kilometern verlief der Camino nur ein paar Meter neben einer Straße. Da der Weg schmal war und dort wie gesagt viele Leute unterwegs waren, entschied ich mich, die Straße zu nehmen. Heute habe ich auch zum ersten Mal ein paar andere Fahrradfahrer gesehen. Es ging vorbei an schönen Kirchen und über einsame, schöne Straßen.

Gegen Nachmittag hielt ich in Sahagún, um noch einmal etwas zu essen und den letzten kleinen Anstieg mit mehr Energie zu meistern. Sahagún gilt übrigens als der Mittelpunkt des Camino Francés. Wer zu Fuß hier ankommt, kann sich im Heiligtum der Jungfrau Peregrina eine „halbe Compostela“ abholen. Es gab eine Pizza Pepperoni, aber ohne Pepperoni. Ja, wirklich, so habe ich sie bestellt, denn eine Margherita ging nicht. Danach ging es über lange, lange Straßen immer weiter durchs flache Land, immer wieder auf und ab. Ab und an sah man sogar die Straße hinter dem Horizont verschwinden. Ich kam flott voran und fuhr heute mit fast 180 Kilometern meine bisher längste Tour.

Am Abend zog sich das Ganze dann leider etwas. Ich wollte eigentlich noch entspannt durch León fahren und mir Frühstück für morgen holen. Zum Abend hin wurde es aber nochmal kräftig windig, und ich musste die ganze Zeit gegen den Wind ankämpfen. Vor León hielt ich am Supermarkt und machte mich dann auf die Schlafplatzsuche. Weiter Richtung Route, also zum Startpunkt von morgen, kam ich immer wieder durch kleine Örtchen, die aus irgendeinem Grund sehr hell beleuchtet waren. Nach einigen Kilometern fand ich nah an meiner Route ein unbebautes Grundstück und konnte dort mein Zelt aufschlagen.

Da es heute Nacht nicht regnen soll, und höchstwahrscheinlich auch die nächsten beiden Tage nicht, kann ich noch etwas draußen schlafen. Für morgen plane ich eine Übernachtung im Hostel in den Bergen, denn ich werde meinen Tag höchstwahrscheinlich am höchsten Punkt der Tour beenden. Und da wäre es mir lieb, nicht irgendwo in den Bergen draußen zu schlafen. Mal schauen, ob das klappt!

🚴 179,63 km
⏱️ 9:08 h Gesamtzeit
⛰️ 1.138 Höhenmeter
⚡ Ø 19,6 km/h

Foto von unterwegs
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